DFG-Netzwerk

Dispositiv
der
Menge

Veranstaltungen

Vortrag und Eröffnung

Massen regieren. Über Infrastrukturen und Kommunikationsnetzwerke gestern und heute

Ausgehend von neueren Forschungen zum sogenannten „Cloud protesting“ lotet der Vortrag im ersten Teil die Metaphorologie der Wolke für die Konzeption neuer (digitaler) und alter (analoger) Massenformierungen und ihrer Sichtbarkeitsregime aus. In der Forschung wird hervorgehoben, dass Cloud protesting-Gruppen „temporary, elusive, and action-oriented micro-organizations“ (Milan) seien. Diese Eigenschaften nehme ich zum Anlass, den von Elias Canetti beschriebenen Drang der Massen zu wachsen, auf ihre infrastrukturellen Bedingungen zu beziehen (statt dieses Merkmal zu essentialisieren). Plattformgestützte soziale Medien sind Generatoren offener Massen, denen grundsätzlich keine Grenze gesetzt ist – aber diese Offenheit steht in Bezug zu (algorithmischen) Schließungs- und Rankingoperationen.


Im zweiten Teil greife ich Robert Darntons Untersuchungen der „Kommunikationsnetzwerke“ städtischer Massen im vorrevolutionären Paris auf, die, so meine These, überraschend viele Merkmale der ‚virtuellen’ und ‚memischen’ Verbreitungsformen teilen, wie sie die heutige plattformgestützte Kommunikations- und Protestkultur kennzeichnen. Die „collective action“ im vorrevolutionären Frankreich erweist sich als eine „connective action“ und die politischen Verknüpfungen, die durch bestimmte mediale Formen (Poesie) ermöglicht werden, erzeugen einen ‚offenen’ und lose gekoppelten Massentypus, der nicht länger auf die Realpräsenz einer örtlich versammelten Menge angewiesen ist. Dabei erlauben die polizeilichen Ermittlungen literarischer Übertragungsprozesse im ‚Untergrund’ die Rekonstruktion der Infrastrukturen, die den poetisch artikulierten Protest tragen.


Friedrich Balke (Ruhr-Universität Bochum)


4. Februar 2021, 18.00 Uhr

Die Veranstaltung findet über Zoom statt
Romanisches Seminar
Universität Siegen

Workshop

Weibliche Kollektive

„Les femmes […] ne disent pas nous“, schrieb Simone de Beauvoir in der Einleitung zu Le Deuxiéme Sexe (1990 [1949], 18) - darin unterschieden sich die Frauen von allen anderen unterdrückten Gruppierungen in der Geschichte. Ausgehend von dieser Bemerkung macht sich der Workshop zu weiblichen Kollektiven auf die Suche nach den Besonderheiten einer 'femininen Mengenlehre' und fragt nach den Selbst- und Fremdbeschreibungen, Formen und Funktionen, Darstellungen und Deutungen weiblicher Kollektivbildungen in verschiedenen Diskursen. Welche Rolle spielen diese pluralen Figurationen für die Bestimmungen des ‚Weiblichen‘? Welche Ängste und Hoffnungen werden durch sie artikuliert? Wie justieren sie das Geschlechterverhältnis und welche Machttechniken sind in und an ihnen am Werk? Fragen wie diesen nähert sich der Workshop in Fallbeispielen von den antiken Scharen und Mänaden über die Hexen und Nonnen, Schwestern und Freundinnen, Hysterikerinnen und Suffragetten, Sekretärinnen und Tillergirls bis hin zu digitalen Kollektiven wie der #metoo Bewegung. Wir möchten nach den historischen Dis-/kontinuitäten weiblicher Mengen fragen und dabei insbesondere ihre ästhetischen und medialen Darstellungsbedingungen in den Blick nehmen.

Programm Workshop Weibliche Kollektive
Abstracts Workshop Weibliche Kollektive

27./28.5.2021 (via Zoom)

Organisation: Vera Bachmann (Regensburg), Johanna-Charlotte Horst (München)

Anmeldung bitte unter: anmeldung@dispositiv-der-menge.de

Workshop

Armut und Menge

Was haben Armut und Menge miteinander zu tun? Gibt es eine arme Menge? Oder eine Menge der Armen? Ist die arme Menge unsichtbar—bzw. welche Strategien gibt es zu ihrer Sichtbarmachung? Wer sieht sie (wie), wer spricht für sie? Wie verhält sich die „arme Menge“ zu Fragen von Gesellschaft/Gemeinschaft, Geschichte, Politik, (Ohn-)Macht, Arbeit und Ästhetik?

Der Workshop untersucht den Zusammenhang von Menge und Armut, der von Anfang an in der Geschichte der Menge eine zentrale Rolle spielt und damit für die Geschichte der Menge zentrale Bedeutung hat. Seit der Antike ist die Menge mit Armut verbunden, ist die Menge eine Menge der Armen. Die Menge der Bedürftigen geht zurück auf die Vorstellung des Volkes als plethos, was in der römischen Kultur als multiduo, turba oder vulgus gefasst wird. Das 19. Jahrhundert entdeckt die Armen im Rahmen von Gesellschaftskritik, literarischem costumbrismo und Philanthropie. Bei Marx setzt sich die „hin und her geworfene Masse“ des Lumpenproletariats aus entlaufenen Galeerensklaven, Gaunern, Gauklern, Lazzaroni, Taschendieben, Taschenspielern, Tagelöhnern, Lumpensammlern, Kesselflickern und Bettlern zusammen, die man als Massen der Niedrigen (Gramsci) identifizieren kann. Die Armen werden zum Sprechen gebracht und zugleich in Typologien und Statistiken „geordnet“. In der Menge der Subalternen im Globalen Süden oder der Menge der Migrantenströme zeigt sich in unserer Gegenwart der Zusammenhang von Menge und Armut.

In dem Workshop geht es um Probleme der Sichtbarmachung einer nicht formierten/artikulierten, amorphen Menge und Armut, die sich gängigen Verfahren der (Selbst-) Repräsentation entzieht. Dabei interessieren uns die Begriffe, Praktiken und Materialitäten, die sich im Verhältnis von Menge und Armut überschneiden. Es gilt Zugang zu gewinnen zu einem Archiv, das Blicke auf eine „niedrige Ästhetik des Unbeständigen“ (Fumerton) eröffnet.

Programm Armut und Menge

4./5.11.2021

Organisation: Jobst Welge (Leipzig), Cornelia Wild (Siegen)

Workshop

Schnitt / Mengen

Der dritte geplante Workshop soll das Thema des Netzwerkes in mehrfacher Weise weiterführen und öffnen. Wir möchten Konzepte von Menge untersuchen, die sich durch Beweglichkeit, Fragmentiertheit, Unabgeschlossenheit und innere Widersprüchlichkeiten auszeichnen und dadurch eher momentane Schnittmengen der Vielheit als eine fest umrissene Masse ab-bilden. Dabei soll der Begriff der Menge von einem anthropozentrischen Ansatz gelöst und aus der Perspektive des new materialism für vielfältige dynamische Relationen unterschiedlicher Aktanten (Mensch, Tier, Pfanzen, Dinge, Theoreme etc.) fruchtbar gemacht werden. Dabei stehen asymmetrische Machtrelationen genauso wie die mögliche Flexibilisierung und Neuordnung von hierarchischen sozialen Strukturen im Fokus.

Ausgehend von Konzepten wie der Actor-Network-Theory (Bruno Latour), von cyborg und companion species (Donna Haraway), des vital materialism (Jane Bennett) und des Agentiellen Realismus (Karen Barad) ist es ein Ziel des Workshops, literatur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Vielheit mit mathematischen und naturwissenschaftlichen Ansätzen zu verbinden, anhand beispielhafter Analysen zu überprüfen und aus postanthropozentrischer Perspektive neu zu denken. Schließlich bietet die Abschlussveranstaltung den Raum für die Selbstreflexion der Schnitt/Mengen unserer gemeinsamen Arbeit innerhalb des Netzwerkes selbst.

März 2022

Organisation: Jenny Haase (Berlin), Kathrin Thiele (Utrecht)